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Re: [InetBib] Preis- und Vertragsgestaltung bei STM-Zeitschriften



Dr. Christian Sprang schrieb:
... Alle Verlage, egal ob klein oder groß, sind nämlich auf ein starkes Urheberrecht 
angewiesen, für das der Börsenverein eintritt. ...

Dazu einige Anmerkungen

Starkes Urheberrecht (bzw. allgemein "strong intellectual property rights regulations") ist sicherlich nicht verbindlich als juristischer Begriff definiert. Aus der Literatur ist aber eindeutig, dass mit "starkem" Urheberrecht oder "starkem" Patentrecht ein solches gemeint ist, dass a) die Interessen, vor allem die Schutzinteressen der Verwerter in den Vordergrund stellt, b) starken Rechtsschutz diesen Interesen gibt (z.B. durch lange Schutzdauer) und c) technische Schutzmaßnahmen (DRM) befördert und diese d) selber unter rechtlichen Schutz stellt.
(1) Aus globaler Perspektive ist deutlich aus der Literatur erkennbar, 
dass "starke" IPR-Regelungen eher im Interesse der entwickelten Länder 
sind und die Entwicklung weniger entwickelter Länder behindern 
[exemplarisch hierfür die berühmte Studie "Integrating Intellectual 
Property Rights and Development Policy" der englischen Commission on 
Intellectual Property Rights (CIPR 2002), z.B. ""Too much protection by 
copyright, by other forms of IP protection, or by technology may 
restrict the free flow of ideas on which the further progress of ideas 
and technology depends. For developing countries, affordable access to 
works essential for development such as educational materials and 
scientific and technical knowledge may be affected by unduly strong 
copyright rules."]
(2) Auch aus der Wirtschaftswissenschaft mehren sich die Stimmen, dass 
starke IPR-Regelungen für Innovation und wirtschaftliche/s 
Entwicklung/Wachstum kontraproduktiv sind. [exemplarisch hier die New 
Growth Theory ;vgl. J. Cortright: New growth theory, technology and 
learning: A practitioner?s guide. Reviews of Economic Development 
Literature and Practice: No. 4, 2001 
(http://www.impresaconsulting.com/ngt.htm); vgl. auch R. Kuhlen: Strong 
Copyright in the Interest of Innovation? - 13.09.05 Tagung Business 
Ethics of Innovation - allerdings nur Vortragsfolien - 
http://www.inf-wiss.uni-konstanz.de/People/RK/Vortraege_05Web/rk_business-ethics130905.ppt; 
demnächst auch ein Heise-Buch "Open Innovation" (im Anschluss an eine 
Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung von 2005); s. auch das CIPR-Zitat aus 
(1).
Nicht verschwiegen soll allerdings sein, dass die Wirtschaft (und auch 
die "offizielle" Wirtschaftswissenschaft) dies durchaus anders sieht; 
für erstere z.B. Bill Gates: Restricting IP rights is tantamount to 
communism - CNET News.com - January 06, 2005;
(3) ganz deutlich ist, dass starke IPR Regelungen nicht im Interesse der 
Verbraucher sind und daher sich damit auch auf den Konsum negativ 
auswirken (und damit im Sinne von (2) auch auf die Wirtschaft insgesamt. 
[exemplarisch hier die Studie "Is strong copyright protection 
welfare-improving? -Case of Japan's copy-controlled compact discs" von 
Tatsuo Tanaka mit der Schlussfolgerung "There was not evidence that 
copy-control increases the CD sales. Therefore copy control gives 
artists no incentive for new development of music. On the other hand, 
the loss of users benefit by copy-control is clearly exists. Thus, copy 
control is harmful to economic welfare. ... Thus the protection of 
intellectual property (copyright) should be weakened."]
Nicht zuletzt noch ein Zitat von Lawrence Lessig: Lessig: "Rather than 
unbounded protection, our tradition teaches balance and the dangers 
inherent in overly strong intellectual property regimes. But balance in 
IP seems over for now. A feeding frenzy has taken its place - not just 
in the field of patents, but in IP generally..."

Mein eigene Schlussfolgerung: Anstatt auf ein starkes Urheberrecht zu setzen, das ja nur durch staatliche Rechtssicherung erzwungen werden kann (und damit gerade nicht marktgemäß ist), ist es für die Verlage die einzige Lösung, sich an die Entwicklung von Organisations- und Geschäftsmodellen zu machen, die elektronischen Umgebungen angemessen sind. Die Musikindustrie z.B. scheint ansatzweise (nach einigen Jahren bloß defensiven und Klage-Verhaltens) ihre Lektion gelernt haben. Sich Verwertungsmonopole über starke Rechtssicherungen zu erhalten versuchen, wird nie lange von Erfolg beschieden sein. Dann werden sich die Verlage sehr schnell als die Dinosaurier des elektronischen Zeitalters erweisen. Wäre aber schade drum. Also: wir (und damit meine ich auch die Verlage) brauchen gerade kein starkes Urheberrecht - es ist mittel- und erst recht langfristig gegen ihre und immer schon gegen unsere (Produzenten und Nutzer) Interessen. Je freier sie (die Verlage) das Gut Information machen, desto besser werden sie verdienen können. Aber kopernikanische Wenden haben es schon immer schwer gehabt (dabei wäre es so leicht, durch das Galileische Fernrohr zu schauen).
RK
(s. auch den Blog http://www.inf-wiss.uni-konstanz.de/blog/kuhlen.php)



--
Prof. Dr. Rainer Kuhlen
UNESCO Chair in Communication
Department of Computer & Information Science - University of Konstanz
D-78457 konstanz - Box D87
email: rainer.kuhlen@xxxxxxxxxxxxxxx; URL: http://www.kuhlen.name
Phone Univ.: +49 (0)7531 - 882879; Fax: +49 (0)7531 882048
Berlin: +49 (0)30 27594241; Fax: +49 (0)30 27594260
Mobile +49 0171 452 7010


* Speaker of the Coalition "Intellectual Property Rights for Education and Science" - http://www.urheberrechtsbuendnis.de/ * Member of the Committee for Information and Communication of the German Commission for UNESCO * Executive Board of HI (Society for Information Science e.V.) * Chair of NETHICS e.V. (Ethics in the Net) - www.nethics.net




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